Trauma-Arbeit

Bewältigung sexueller Traumata

Im Zuge meiner Tätigkeit als Tantramasseur haben mich mehrmals Klientinnen aufgesucht, die durch ein sexuelles Trauma belastet waren. Es zeigte sich in allen Fällen, dass diese Frauen durch die achtsamen Berührungen der Tantramassage eine wesentliche Unterstützung in der Bewältigung ihres Traumas empfanden.

Dies brachte mich dazu, einen Lehrgang zur Traumaverarbeitung zu absolvieren. Dabei handelt es sich um eine dreijährige Fortbildung zum Thema Traumaentstehung und Traumaheilung nach der Methode des “Somatic Experiencing” (R) nach Peter Levine. 2016 habe ich diesen Lehrgang nun abgeschlossen und bin nunmehr Somatic Experiencing Practitioner.

Ich wende diese Methode oft nicht direkt an, sondern verwende Elemente daraus in meiner eigenen Arbeit. Das hilft mir, Trauma-Anzeichen zu erkennen und Re-Traumatisierungen zu vermeiden. Bei der Arbeit mit traumatisierten Klienten ist außerdem eine psychotherapeutische und/oder ärztliche Begleitung unumgänglich.

Einen besonders eindrucksvollen Fall der Trauma-Heilung aus einer Kombination von ärztlicher Begleitung und achtsamen tantrischen Berührungen aus meiner Praxis  möchte ich hier als Fallstudie näher vorstellen.

 

Fallstudie Barbara T.

Der traumatisierten Patientin Barbara T. wurde von einer umsichtigen praktischen Ärztin Tantramassagen zur Unterstützung bei der Heilung ihres Traumas empfohlen. In den folgenden Texten wird der Fall von der praktischen Ärztin Dr. Monika Drechsler, von mir und von der betroffenen Frau selbst beschrieben.

Der Name der betroffenen Frau wurde geändert.

 

Dr. Monika Drechsler

Warum ich als Ärztin diese Patientin vorstelle?
Weil ich berührt bin von dem, was möglich ist, wenn wir zusammenarbeiten und uns vernetzen.

Vor 2 Jahren kam eine 29 jährige Patientin, Barbara, in meine Praxis.
Sie klagte über Kopfschmerzen, massive Schultergürtelverspannungen, Schwindelzustände und hatte schon 3 x einen Gehörsturz. Insgesamt wirkte diese Frau auf mich sehr angespannt und hatte auch Schlafstörungen und Verstopfung.
Ihre Lebensweise wirkte auf mich durchwegs gesund, sie ernährte sich meist vegetarisch, kochte frisch, meditierte und machte Pilates.
Sie suchte mich als Schulmedizinerin und Ärztin für traditionelle chinesische Medizin auf.

Als ich in meiner Befragung auf ihre Kindheit zu sprechen kam, meinte Barbara, dass sie viel zu behütet und sehr streng aufgewachsen sei, nie alleine draußen spielen durfte und eine sehr herrschsüchtige Großmutter hatte. Was mich aber richtig aufhorchen ließ, war ihre Erzählung über ihren ersten Besuch beim Gynäkologen mit 15 Jahren. Diesen Besuch beschreibt sie wie eine Vergewaltigung und die nicht enden wollende Blutung nach dem Arztbesuch war eine große Traumatisierung für sie. Aus Angst suchte sie seither nie wieder einen Gynäkologen auf und hatte große Berührungsängste, konnte sich auch sexuell auf keine Beziehung einlassen. Ihr “unten rum” war zu einer Tabuzone geworden. Sie besuchte Therapien und Psychiater, bekam Antidepressiva und Psychopharmaka verschrieben, aber die Schmerzen wurden nicht besser.
Sie konnte ihrem Beruf nur mehr schwer nachgehen und war recht verzweifelt über all die Schmerzen.

Barbara war nur 1x in meiner Praxis, die anderen Male hatten wir Mailverkehr oder telefonierten. Bei dieser ersten und einzigen Ordination akupunktierte ich sie, verschrieb eine chinesische Rezeptur und behandelte sie mit Gua sha, einer chinesischen Massagemethode. Irgendwie hatte ich aber das Gefühl, dass diese Frau eine tiefe Heilung auf einer ganz anderen Ebene benötigte. Ich wurde den Gedanken nicht los, dass ihre Beschwerden mit diesem traumatischen Erlebnis beim Gynäkologen erst richtig begannen. Ich nahm mir ganz viel Zeit um ihr zu erklären, dass gynäkologische Untersuchungen sehr wichtig seien, schickte sie zu einer Gynäkologin meines Vertrauens und empfahl ihr dringend ein neues Verhältnis mit ihrer Yoni zu beginnen.

Dafür empfahl ich Barbara, zu Tantramassagen zu gehen. Ich wünschte mir eine Heilzeremonie, ein Heilritual für ihr Geschlecht und somit eine liebevolle neue Einstellung zu ihrer Weiblichkeit, zu ihrer Yoni und zu ihrer Sexualität. Nach ein paar Wochen, in denen wir telefonierten, ich ihr Kräuter nachbestellte und sie immer wieder ermutigte sich auf ihren Schoß einzulassen, hat sie sich bei mir nicht mehr gemeldet.

Ich hatte die kommenden 2 Jahre auch nichts mehr von meiner Patientin gehört. Es hat mich riesig gefreut, als ich von Ernst Angelino erfahren habe, dass es Barbara gut geht und sie beschwerdefrei ist. Ich bin froh, dass Barbara so mutig war und diesen Weg gegangen ist.

Ich wünsche mir, dass wir Glaubenssätze neu überdenken und uns öffnen für dieses tiefe Wissen des Tantra. Ich wünsche mir, dass wir die Scheu und das Tabu ablegen und uns in Sanftheit, Geborgenheit, Liebe und Präsenz unserer “Scham” bewusst werden. Vielleicht verwandelt sich dann die SCHAMZONE in eine CHARMEREGION und zu guter letzt in einen Ort der unbändigen Freude und Lust. Das jedenfalls wünsche ich allen Menschen.

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Dr. Monika Drechsler

Ärztin für Allgemeinmedizin und Notärztin
Tradinonelle Chinesische Medizin, energetisches Heilen, manuelle Medizin, Craniosacraltherapie, Bowen-Therapie.
2340 Mödling, Hauptstraße 28/1
02236 / 864122
m.drechsler @ westost.at
www westost at
www adlerfederberg com

 

 

 

Ernst Angelino

Zwei Jahre nach dem Besuch bei Dr. Drechsler fragte Barbara bei mir um einen Termin an beschrieb per Mail ihre Geschichte. Beim persönlichen Treffen erzählte sie mir, dass sie meine Webseite schon vor einem Jahr gefunden hatte, aber damals innerlich noch nicht so weit war. Sie sehne sich nach Berührungen, könne die aber körperlich nicht zulassen und ohne fremde Hilfe käme sie nicht weiter.

Wir vereinbarten, eine erste Massage zu machen und später solle sie sich entscheiden, ob das das Richtige für sie ist.
Im Feedback sagte Barbara schon unmittelbar nach der ersten Massage, dass sie im manchen Körperregionen Widerstände gegen Berührungen empfunden hätte, sich aber die Massage insgesamt positiv angefühlt hatte und sie sie als heilend empfunden hat. Sie sagte, sie müsse das jetzt einmal verarbeiten und melde sich vielleicht wieder, wenn es sich gut anfühlt.

Nach drei Tagen kam ein Anruf von Barbara, sie möchte einen neuen Termin, es hätte ihr sehr geholfen.
So kam sie nach einer Woche wieder. Normalerweise wird bei der Tantramassage nicht gesprochen, aber in diesem speziellen Fall forderte ich Barbara vor der Massage auf, auch während der Massage Feedback über ihre Empfindungen bei den Berührungen zu geben. Erstmals empfand sie solch fremde Berührungen nicht mehr ausschließlich unangenehm. Wir vereinbarten dann bis auf weiteres wöchentliche Massagen.

Nach nur sechs Massagen mit achtsamen Berührungen waren Barbaras Beschwerden völlig verschwunden und erstmals in ihrem Leben verspürte sie fremde Berührungen auch als lustvoll. Barbara gewann viel Selbstvertrauen und blühte richtiggehend auf.

Nachdem sich diese Entwicklung nach einigen Monaten als nachhaltig erwiesen hatte und Barbara nun richtiggehend vor Lebensfreude sprühte, nahm ich mit Dr. Drechsler Kontakt auf um ihr mitzuteilen, welche Auswirkungen ihre Empfehlung von Tantramassagen in diesem Fall hatte, und wir beschlossen, diese Geschichte mit Barbaras Einverständnis zu veröffentlichen.

Ernst Angelino

 

 

Barbara T.

Der Grund, der mich dazu brachte, Hilfe bei einem professionellen Tantramasseur zu suchen, war ein frühes Erlebnis, das es für mich schwierig machte, Berührung überhaupt zuzulassen. Dieses für mein Leben einschneidende Erlebnis ereignete sich, als ich 15 war: Bei meinem ersten Frauenarztbesuch drang der Gynäkologe dermaßen gewaltsam in mich ein, dass sich die Erinnerung an den Schmerz bis ins Erwachsenenalter hielt. Besonders schmerzhaft war für mich, dass auch meine Familie kein Verständnis für mich aufbrachte. Da jedes Thema, das mit Gefühlen, Sexuellem oder seelischem Schmerz zu tun hatte, von vornherein Tabu war, durfte ich mit meinen Eltern dieses Ereignis nicht einmal besprechen.

Sexualität und Berührung wurden in meiner Familie niemals als normales, natürliches Verhalten und Grundbedürfnis angesehen, sondern immer mit Verunglimpfung oder körperlicher Bestrafung geahndet. Dadurch konnte ich Vertrauen (auch zu mir selbst) niemals aufbauen und mich gegen Übergriffe und Grenzüberschreitungen nicht wehren.

All dies führte zu gravierenden Konsequenzen: Nicht nur wurde für mich jegliche Art, mich mit Sexualität auseinanderzusetzen, von diesem Trauma überschattet – sogar normale Nähe wurde für mich nur schwer erträglich. Schon wenn mich jemand an der Schulter berührte, wurde dieses Erlebnis – und damit der verbundene Schmerz – wieder ausgelöst, bis ich jede Art der Körperlichkeit bereits als unerträgliche Qual empfand. Durch diese negative und destruktive Einstellung zu meinem eigenen Körper ließen auch psychosomatische, chronische Schmerzen nicht lange auf sich warten. An manchen Tagen plagten mich unerträgliche Phantomschmerzen. Besonders tabu war für mich dabei, jemals wieder mit etwas in meine Vagina einzudringen. Schon ein Tampon oder Finger löste einen unbeschreiblichen Schmerz aus.

Durch die Empfehlung von Fr. Dr. Drechsler kam ich schlussendlich zu Tantramassagen und damit zu einem wichtigen Schritt in meiner Entwicklung.
In den ersten Tantramassage-Einheiten beherrschte mich noch sehr stark die Angst vor Nähe, da jede Berührung automatisch mit Verspannung und Abwehr verbunden war. Zugleich hatte ich meine Zweifel, den aufkommenden Gefühlen überhaupt gewachsen zu sein. Durch die einfühlsamen Behandlungen wurde emotional unheimlich viel aufgewühlt, und die Vielfalt der Gefühle (Schamgefühl, Verletztheit, Geborgenheit, Zulassen dürfen) verwirrte mich anfangs. Doch schon bald merkte ich deutlich, dass sich mein körperlicher Zustand verbesserte und meine Selbstwahrnehmung schärfte.

In dieser geschützten Atmosphäre ohne Tabus können sich Lustgefühl und Sinnlichkeit zwanglos entwickeln und bekommen einen selbstverständlichen Stellenwert, ohne fremden Erwartungen entsprechen zu müssen.

Sicherlich bin ich noch nicht am Ende meines Weges, jedoch lerne ich durch behutsames und geschütztes Berührtwerden endlich, die traumatischen Erlebnisse meiner Kindheit zu verarbeiten und von mir selbst abzugrenzen. Damit werde ich es hoffentlich in Zukunft endlich schaffen, auch erfüllende sexuelle Beziehungen zu anderen aufzubauen – und nicht zuletzt auch zu mir selbst.

Barbara T.